Selbstverteidigung nach den Budo-Prinzipien
Ju-Jutsu ist die moderne Selbstverteidigung für die Praxis des täglichen Lebens, optimal, leicht erlernbar und vielseitig anwendbar. Es geht zurück auf die in Japan in Jahrhunderten gewachsene und entwickelte waffenlose Selbstverteidigung Jiu-Jitsu. Die in ihm enthaltenen Elemente wurden für die sportliche Ausübung im Judo, Karate, Aikido usw. spezialisiert. Für eine umfassende Selbstverteidigung ist jede dieser Disziplinen jedoch nur ein Teil des Ganzen geblieben. Die Vollkommenheit liegt in der Zusammfassung zu einem System. Aber auch die Angriffe sind raffinierter, vielfältiger, vor allem aber gefährlicher geworden. Hier galt es, diesen ein Selbstverteidigungssystem entgegenzusetzen, das leicht erlernbar und einprägsam ist und den optimalen Gebrauch der Selbstverteidigungstechniken garantiert. Im Ju-Jutsu sind die Erkenntnisse der vorgenannten Budo-Disziplinen, aber auch neue unter dem Grundsatz "aus der Praxis für die Praxis" zu einer modernen und sehr wirkungsvollen Selbstverteidigung zusammengeschlossen. Und weil Ju-Jutsu so effektiv ist, wurde es bei den Polizeien der Länder und dem Bundesgrenzschutz als dienstliches Pflichtfach eingeführt.
Geschichtliche Entwicklung
Erst um die Jahrhundertwende wurde das Jiu-Jitsu - insbesondere durch japanische Matrosen eingeführt - auch in Europa bekannt. Die Griffe und Schläge wurden im Laufe der Zeit mit Ringergriffen und Boxtechniken vermengt und als Selbstverteidigung propagiert. Es entstand sozusagen ein "europäisches Jiu-Jitsu", eine Art Verteidigung, bei der wenig vom "nachgebenden" oder "ausweichenden" Prinzip zu erkennen war. In seiner Einführung zur deutschen Ausgabe des Buches "Das Kano-Jiu-Jiutsu" beschreibt Prof. E. Baelz: "Was den Ursprung von Jiu-Jitsu betrifft, so ist es ein Märchen, wenn gesagt wird, diese Kunst werde seit 2500 Jahren praktiziert. In Wahrheit ist dieselbe, wie fast alles in Japan, chinesischen Ursprungs. "Es ist aber unbestreitbar ein Verdienst der Japaner, Jiu-Jitsu als Vorläufter des Judo populär gemacht zu haben. 1906 war es Erich Rahn, der in Berlin die erste Jiu-Jitsu-Schule gründete und sich damit das historische Verdienst erworben hat, die edle Kunst der japanischen Selbstverteidigung in Deutschland etabliert zu haben. Seine Schule besteht noch heute in Berlin. 1922 folgten u.a. die bekannten Altmeister Alfred Rhode in Frankfurt/Main und Otto Schmelzeisen in Wiesbaden mit Vereinsgründungen. Sie waren die deutschen Pioniere des Jiu-Jitsu und Judo.
Ju-Jutsu - das neue System
Das "Europäische Jiu-Jitsu" war als nicht mehr zeitgemäß anzusehen. Somit war es dringend erforderlich, etwas Neues zu schaffen. Richtungsweisend hierfür bot sich die "Goshin-Jitsu-No-Kata" des Kodokan an. Hochgraduierte Dan-Träger wurden damit beauftragt, die Voraussetzungen für eine effektive, moderne Selbstvertreidigung zu erarbeiten. Das ist unter Federführung von Franz-Josef Gresch und Werner Heim gelungen, so daß im Jahre 1969 das Ju-Jutsu offiziell eingeführt wurde. Das neue System geht nicht vom Angriff aus, sondern primär von den Selbstverteidigungstechniken, die aus Grundformen des Judo, Karate und Aikido ausgesucht wurden. Die Techniken sind in den einzelnen Prüfungsprogrammen für Schüler- und Meistergrade nach Schwierigkeitsstufen geordnet. Jede Verteidigungstechnik ist gegen mehrere Angriffsarten anwendbar und beständig zu üben mit dem Ziel, die Bewegungsabläufe zu automatischen Reflexen (sog. Automatismen) im Unterbewußtsein zu entwickeln. In Kombinationen sind die Techniken alsdann sinnvoll zu verbinden und in der "freien" Verteidigung gegen "freie" Angriffe zur echten Kunst der Selbstverteidigung zu perfektionieren. Bei dieser Methode wird bereits mit einer kleinen Auswahl von Verteidigungstechniken von Anfang an ein größtmöglicher Nutzeffekt durch variable Anwendung erzielt. Durch diese vielseitige Anwendbarkeit gegen alle Arten von Angriffen ergeben sich weit mehr als 1000 Verteidigungsmöglichkeiten.
Elemente und Prinzipien des Ju-Jutsu
Das Ju-Jutsu beinhaltet mehr als der Name allein zu erkennen gibt. "Ju" bedeutet nachgeben, ausweichen, anpassen oder sanft, "Jutsu" Kunst oder Kunstgriff. Ju-Jutsu ist also die Kunst, durch Nachgeben bzw. Ausweichen mit der Kraft des Angreifers zu siegen. Falls erforderlich, kann ein Angriff jedoch auch in direkter Form mit Atemi-Techniken abgewehrt werden. Dieses "ökonomische Prinzip", nämlich "mit geringstem Aufwand einen größtmöglichen Nutzen zu erzielen", gilt als der übergeordnete Begriff, unter dem sich die Bewegungsprinzipien der Budo-Disziplinen subsumieren. Die Techniken wurden aus den bekannten Budo-Disziplinen Judo, Karate, und Aikido ausgewählt. Alle können in harter oder weicher Form nach dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit angewendet werden. Sollen die Techniken nach der Herkunft auch in der Selbstverteidigung voll wirksam werden, müssen ihre Prinzipien beachtet werden. "Wirksamkeit" heißt nicht Kraft oder Gewalt, sondern gute Technik nach den Budo-Prinzipien, die es auch dem Schwachen möglich macht, sich erfolgreich gegen einen oder mehrere stärkere Angreifer verteidigen zu können.
Wettkampf als realitätsnahe Selbstverteidigung
Seit fast 10 Jahren existiert ein Regelwerk für den Ju-Jutsu-Wettkampf. In diesem Wettkampf muß der Ju-Jutsu-Sportler in relativ kurzer Zeit (2 Minuten) mit Schlägen/Stößen, Hebeln, Würfen, Würgetechniken seinen Gegner nach Punkten besiegen oder zur Aufgabe zwingen. Dabei kann viel realitätsnäher gekämpft werden als in anderen Budo-Sportarten. Das Regelwerk schließt jedoch die ernsthafte Verletzung des Gegners nach Möglichkeit aus. Schutzausrüstung ist Pflicht. Über die Einhaltung der Regeln wachen bei jedem Kampf drei Kampfrichter. Auf Landes- und Gruppenebene qualifizieren sich die Kämpfer für die Deutsche Meisterschaft. Bei der Internationalen Deutschen Meisterschaft kann ohne Vorqualifikation gestartet werden. Die leistungsstärksten Vereine messen sich bei der Deutschen Vereinsmannschaftsmeisterschaft. Die Wettkämpfe werden unterteilt in Kämpfe für Herren, Damen und Jugend. Wettkampferfahrung trägt wesentlich zur Verbesserung des persönlichen Selbstverteidigungskonzeptes bei.
[Quelle: Ju-Jutsu 1x1, 7. Auflage (unverändert)]